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Das Lehnrufen im Spiegel der Geschichte

von Josef Weber, Saarhölzbach

Sowohl im Bistums- wie im Stadtarchiv zu Trier hatte ich interessante Unterlagen über alte Bräuche eingesehen, die in früheren Zeiten, als jedes Dorf sich gleichsam ein abgeschlossenes Ganzes bildete, sich immer weiter vererbten bis zum heutigen Tag.

Solche Bräuche mag man um so lieber festgehalten haben, weil sie nach monatelangen Anstrengungen auf den Feldern und zu Hause denen, die daran Teil nahmen, manche frohe Stunde verschafften. In den langen Winterabenden wußten sie dann auch am Herde und in den Spinnstuben, wo die Jugend des Dorfes sich versammelte, reichen Stoff zu ermunternden Scherzen zu geben.

Der Brauch, den ich hier beschreiben will, scheint mir vor allen hierzu geeignet gewesen zu sein; er mochte damals schon, wenn der festgesetzte Tag herangekommen war, mit unwiderstehlichem Zauber das junge Volk des Dorfes angezogen haben, nämlich das Lehnrufen.

Im ersten Jahrgang der Zeitschrift "TREVIRIS" schrieb in der Nummer 35 vom 29. Oktober 1834 der Redakteur Ph. Laven seine Eindrücke nieder, die er im gleichen Jahr in Saarhölzbach erlebt hatte, als er eigens mit einer Reisegesellschaft per Postkutsche nach hier kam, um das Lehnrufen an Ort und Stelle zu erleben. Zu Beginn seines Berichtes über den Lehn-Sonntag (damals der letzte Sonntag vor Fastnacht) teilte Laven mit, daß seit einigen Jahren der Brauch in Saarhölzbach unterblieben ist, weil jene Jahre "nicht gesegnet" waren (vermutlich durch Mißernten und andere Heimsuchungen). Im Jahre 1834 schienen wieder volle Scheunen den Anlaß zum Neuaufleben des Brauches gegeben haben. Dann schreibt Laven: Wie ich dieses Fest zu beschreiben gedenke, besteht es in dem oben genannten Orte (Saarhölzbach). Abweichungen davon kommen auf dem ganzen Saargau, von Saarhölzbach bis eine Stunde oberhalb Merzig vor; doch glaube ich aus der Art der Feier, wie auch aus den örtlichen Verhältnissen schließen zu können, daß Saarhölzbach die eigentliche Wiege dieses Festgebrauches ist, und daß derselbe - wer weiß wie lange - schon allda bestanden haben dürfte, ehe er sich verführerisch die Saar hinauf von Dorf zu Dorf verbreitete." (Der Ansicht Lavens kann ich nicht ganz beipflichten: die Wurzeln dieses alten Brauches liegen noch ganz im Dunkeln)

Dann schreibt Laven weiter: "In einer der romantischsten Ufergegenden der Saar, im Angesicht des großen Lutwinuswaldes, der sich von Mettlach daherzieht, liegt das Dorf Saarhölzbach. Es zählt 70 Häuser, die zusammen 483 Einwohner enthalten. Hinter dem Dorfe ragen zwei erhabene, einander gegenüberliegende Berggipfel, der Bach- und der Funkenberg. Die Höhe derselben, wie auch die Pfade, auf denen man zu ihnen gelangt, sind mit wildem Gesträuche bewachsen; nur die Abhänge nach der Seite hin, wo sich beide Gipfel gleichsam zu begrüßen scheinen, bestehen aus schroffem, kahlen Felsengestein. Ein schmaler Eingang nach einem waldigen Tale eröffnet sich vom Dorfe her zwischen diesen beiden ragenden Bergen, die wie zwei Vorgebirge sich an das Ufer der Saar zu drücken scheinen und auf der einen Seite eine beherrschende Aussicht auf das tieluntenliegende Dorf, auf der anderen nach dem die Kappels-Wiese genannten Talgrunde eröffnen. An dem Tage, wo unsere Reisegesellschaft die beiden Gipfel bestieg, lag die ganze Gegend in einem herrlichen Sonnenglanze und wir konnten von unserem Standpunkte aus den schlängelnden Lauf der Saar und ihre waldigen Ufer weit hinab verfolgen. Auch boten einen äußerst malerischen Anblick einige zerstreute Hütten, die im Eingange des Tales am Fuße der beiden Berge liegen. Vor allem muß noch bemerkt werden, daß man auf den zwei Höhen jedes noch so kleine Geräusch vom Dorfe her vernimmt, und daß man bei nächtlicher Stille auch umgekehrt alles wohl im Dorfe vernehmen kann, was oben gerufen wird.

Der Sonntag vor Fastnacht-Sonntag ist der auserkorene Festtag, dem im Geheimen manche schöne Bauerndirne schon lange voll Erwartung entgegen sieht. Heute gilt es als etwas sehr Wichtiges: sie erfährt nämlich, welcher Bursche ihr für das ganze Jahr zu den Tänzen am Kirchweihtage und anderen Festen vorzüglich angewiesen ist. Vielleicht hängt von heute das Glück ihres künftigen Lebens ab. Der eigentliche Name, den die Einheimischen in Bezug auf diese Feierlichkeit jenem Sonntage geben, ist "Lehn-Sonntag".

Am Lehn-Sonntage, abends gegen 8.00 Uhr, verläßt das ganze Dorf, jung und alt, festlich geputzt seine Wohnung. Während die jüngere Welt sich gegen den Fuß der beiden Berge hinzieht, tritt auch manches Mütterchen, das seit Monaten nicht über die Schwelle gekommen ist, vor die Türe des Hauses, um doch auch zu sehen, wie die junge Welt sich freut, und zu hören, wie die Lose fallen. Vor 50 - 60 Jahren stand sie ja auch so geputzt da, wie sie jetzt vielleicht ihre Enkelin da stehen sieht. Anm.: Somit war in Saarhölzbach schon vor 1790, als das Dorf knapp 200 Einwohner zählte, das Lehnrufen in Übung). In Lavins Reisebericht lesen wir weiter: "Nach und nach gruppieren sich die Mädchen und Frauen des Dorfes in den Straßen umher; die verheirateten Männer stehen da mit dampfenden Pfeifen und übereinandergeschlagenen Armen. Während sie die Sache ernster betrachten, hört man unter den Frauenzimmern tausend laute Wünsche kund werden! "Der Michel gefällt mir besser als der Peter", ruft eine hübsche Bäuerin aus dem Haufen der untereinander Plaudernden. "Was", schreit eine andere lachend, "der ist für mich, Gretchen, den hab ich mir gewählt". So greifen hier Worte und Gelächter munter ineinander, während die jungen Burschen, die sich in zwei Abteilungen getrennt haben, die struppigen Pfade der beiden Anhöhen ersteigen. Auf dem Wege besprechen sie sich noch einmal, welche Paare zueinander kommen sollen. (Heute hat der Lehn-Jahrgang fertige Listen zur Hand). Jetzt ist die eine Abteilung auf dem Bachberge angelangt. Man ruft, man schreit; einzelne zerstreute Stimmen tönen hinter dem gegenüberliegenden Berge hervor; aber auf der Spitze selbst läßt sich noch keine Seele erblicken.

   

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